Die Höhe der sozialen Mindestsicherung – Eine Neuberechnung „bottom up“ -
Friedrich Thießen, Christian Fischer
Prof. Dr. Friedrich Thießen, TU Chemnitz, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Zeitschrift für Wirtschaftspolitik (Lucius & Lucius, Stuttgart), Jg. 57 (2008), Heft 2 S. 145-173.
http://www.tu-chemnitz.de/wirtschaft/bwl4/interessantes/Soziale_Mindestsicherung_2008_komplett.pdf
Eine interessante Studie, die zum Ergebnis kommt, dass eine „soziale Mindestsicherung“ von monatlich 132 Euro (Summe ohne Wohnungs-,
Strom- und Heizkosten) ausreiched ist und die bisherigen Regelsätze also viel zu hoch sind.
Wie unsere Neuberechnungen der sozialen Mindestsicherung zeigen, liegt der Regelsatz der Sozialhilfe bereits leicht oberhalb des Satzes, der noch mit den festgelegten Zielen der Mindestsicherung kompatibel ist. Selbst die Hälfte davon wäre immer noch damit kompatibel.
132 geteilt durch 30 macht 4,40 Euro pro Tag.
Eigentlich hat Fefe mit wenigen treffenden Worten bereits alles nötige hierzu gesagt: http://blog.fefe.de/?ts=b63e88d0
Ich möchte dennoch etwas weiter vertiefen:
Die ganze Veröffentlichung atmet den Zynismus derer, die sich in ihrem gestelzten kalten Wissenschafts-Sprech über die Opfer dieser Berechnungen sehr erhaben fühlen müssen. Ob die Berechnungsergebnisse auch dann so knallhart niedrig ausgefallen wären, wenn der Herr Professor nicht reichlich alimentiert (aus Steuermitteln, nehme ich an) in seiner warmen Professorenklause sitzen würde, sondern selbst betroffen wäre?
Lesenswert die Schlußfolgerungen:
Dabei könnte anstatt auf immer höhere Geldleistungen zu setzen, auch an Beratungs- und Sachleistungen als Hilfen zu einem insgesamt besseren Leben … gedacht werden.
Ja, genau, zusätzlich zur der bereits vorhandenen exzessiven Hartz4-Bürokratie nun noch weitere zusätzliche ‘Berater’. Je höher der obrigkeitliche Gängelungsgrad, desto ‘insgesamt besser’ das Leben. Interessanter Ansatz.
Im Weiteren könnte an die Koppelung von Transferzahlungen an Gegenleistungen gedacht werden.
Studenten der Chemnitzer Technischen Universität haben eine ganz starke Präferenz für diese Weiterentwicklung der deutschen Sozialsysteme offenbart: Transferzahlungen erhält, wer sich der Gemeinschaft im Rahmen seiner Möglichkeiten zur Verfügung stellt.
Na ja, das ist zwar keine so ganz neue Erkenntnis, aber schön, wenn auch Studenten drauf kommern. Ganz abstrakt gesehen nannte man das vor nicht allzu langer Zeit ‘Arbeit gegen angemessenen und fairen Lohn, von dem man sich und seine Familie gut versorgen kann (über professoral errechnete Mindestsätze hinaus)’. War mal ein Grundprinzip unserer Gesellschaft, gibt es aber heute leider immer weniger.
Aber das war gar nicht gemeint, nicht wahr? Sondern Zwangsarbeit? Für 132 Euro?
Ja, aber auch das ist doch nicht neu. Sowas gab es doch noch früher und nannte sich Leibeigenschaft und Schuldknechtschaft. Feudalismus war schließlich ein über Jahrhunderte bewährtes Gesellschafts- und Geschäftsmodell. Das hässliche Wort ‘Sklaverei’ wollen wir hier mal nicht verwenden.
Immerhin kommen die Leute nicht auf dumme Gedanken, wenn sie den ganzen Tag wie ein Arbeiter beschäftigt sind und permanent auf Trab gehalten werden, zu einem ‘Stundenlohn’ von immerhin ca. 75 Cent. Und in der Freizeit die zusätzliche o.a. ‘Beratung’ nicht vergessen.
Mal ehrlich, Herr Professor, wie lange müssen Sie für 132 Euro netto arbeiten? Und würden Sie sich gern fürsorglich zwangsberaten lassen wollen?
Wieviele steuerfinanzierte Personentage hat es wohl gekostet, auf den Cent genau nachzurechnen, zu welchen Minimumsätzen ein Feudalsystem betrieben werden kann, aus dem für den entwürdigten und entmündigten Einzelmenschen und seine Kinder kein Entrinnen mehr möglich ist?
Dieses wissenschaftliche Ergebnis wird bestimmt von kompetenter Seite (INSM und Regierung) entsprechend aufgegriffen werden.
Nach entsprechender öffentlicher Kritik ist die Studie nun mit einer Präambel versehen, die für sich selbst spricht:
„In der Studie werden daraus keine Konsequenzen abgeleitet“
Aber ‘Schlußfolgerungen’ gezogen.
„Es war vielmehr Absicht, einen Beitrag zur Verbesserung der Situation vieler Menschen zu leisten.“
ROFL. Na klar, mit noch weniger Geld gehts doch gleich viel besser. Gehts noch zynischer? Ist das als Bewerbungsschreiben bei der INSM gedacht?
Und dann noch den Lesern kritischer Beiträge eins vors Schienbein getretren:
(Die Leser der) … „vielen einseitigen und spektakulären Pressemeldungen auch im Internet (werden) als Person … von den Medien benutzt, damit diese mehr und teurer Werbung verkaufen können.“
So ein Unsinn. Hier ist keine Werbung. Und bei Fefe auch nicht. Nur weil SPON werbehinterlegt ist, kann doch nicht jede Kritik als bloße Werbemaßnahme abgetan werden. Allein die Qualität dieses ‘Arguments’ wirft ein bezeichnendes Licht auf die Qualität der gesamten Studie.
>>> Update am 10. September:
http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/080910%20Beachtung%20einer%20Studie%20der%20TU%20Chemnitz.pdf
Lutz Hausstein und Florian Krahmer gehen in Einzelheiten auf die inhaltlichen Widersprüche und mögliche Ziele dieser zynischen und menschenverachtenden Ausarbeitung ein.
Offensichtlich ist, daß ohnehin Ausgegrenzte und Ausgeschlossene weiter fertig gemacht werden sollen.
Saubere Wissenschaft, die dafür die Pseudoargumente liefert …
>>> Update 2 am 11. September:
die Studie hat sich inzwischen aufgelöst – es gibt unter dem o.a. Originallink bei der TU Chemnitz nur noch die einseitige Präambel zu sehen (deren letzter Absatz mit der Leserbeschimpfung und der Lügenbehauptung mit der Werbung inzwischen auch weggekürzt worden ist).
Sauberes wissenschaftliches Vorgehen, diese Selbstzensur. Hahaha.